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Zeit in Berlin

Im historischen Berliner Nikolaiviertel trafen wir einen Uhr-Macher aus Leidenschaft: Peter Schulze, Inhaber des Uhrenateliers ZiB („Zeit in Berlin“). In seiner Werkstatt entstehen handgefertigte mechanische Zeitmesser, denen obendrein eine ganz besondere Philosophie innewohnt. ZiB-Uhren kommen nur in kleiner Auflage auf den Markt – maximal 20 Stück pro Zifferblatt-Variante. Für Uhrengourmets gedacht sind die skelettierten Unikate.

Glaubt man dem Befund eines Branchenjournals, dann wächst die Zahl der Uhrenverweigerer langsam, aber stetig. Der Verzicht auf den gewohnten Zeitmesser am Arm ist für manche ein Statement der besonderen Art. Sie möchten damit der zunehmend als Belastung empfundenen „Beschleunigungsgesellschaft“ eine Absage erteilen. Das mag ganz sympathisch klingen, erweist sich aber als Illusion. Mit der gleichen Logik könnte man den Kalender von der Wand nehmen – in der Hoffnung, fortan nicht mehr zu altern. Und auch die Uhr tickt heute, da wir in „Real-time“ zu kommunizieren pflegen und längst vom „Fast food“ zum „Fast living“ übergegangen sind, nicht schneller als vor hundert Jahren. Die Zeit war für den Menschen schon immer eine knappe Ressource. Wie knapp sie individuell ausfällt, weiß niemand im Voraus. Was also liegt näher, als die kostbare Zeit kostbar zu messen? Der Blick auf die Uhr am Handgelenk sollte uns nicht nur verraten, wie spät es ist, sondern im Idealfall Freude bereiten und sich als ästhetischer Genuss erweisen. Eine mechanische Uhr wird uns bei regelmäßiger Wartung über Jahrzehnte begleiten. Dabei ist sie immer auf uns angewiesen, denn die Träger dieser Zeitmesser sind es, die eine Uhr mit Energie versorgen. Entweder, indem sie die Uhr über die Krone aufziehen, oder aber indem sie mit den Armbewegungen des Alltags einen kleinen Rotor auf dem Uhrwerk in Schwung halten.

ZIB

Uhrenfreunde sprechen nicht nur fasziniert von einem Mikrokosmos aus Rädchen, Brücken, Hebeln und Federn, viele vertreten überdies eine ganz besondere Zeitphilosophie. Gleiches gilt für Uhrmacher, sofern sie in ihrem traditionsreichen Handwerk mehr sehen als nur eine Möglichkeit des Geldverdienens. Peter Schulze gehört zu jenen Uhrmachern, bei denen der Beruf zur Leidenschaft wurde. Im Frühjahr 2010 erfüllte er sich seinen Lebenstraum und gründete im pittoresken und geschichtsträchtigen Berliner Nikolaiviertel zwischen Spree-Ufer und Rathaus ein kleines, aber feines Uhrenatelier.

Wie so oft, erfordern gerade scheinbar eher nebensächliche Details ein hohes Maß an Kreativität. „Gemeinsam mit meiner Partnerin dachte ich über einen Namen für mein Atelier nach, der auch die Zifferblätter meiner eigenen kleinen Uhrenkollektion schmücken sollte“, erinnert sich der Existenzgründer. „Der Name Peter Schulze hätte wohl nicht gerade glamourös geklungen“, scherzt der bekennende Liebhaber klassischer Uhrmacherkunst. Also begann er, zu abstrahieren. Vielleicht „Zeit aus Berlin“ – das würde doch sofort die Provenienz der Uhren verraten. Tickende Meisterwerke aus der Hauptstadt. Allerdings erwies es sich als schwierig, daraus ein markantes Logo zu kreieren. So entstand die Idee, dem Atelier und den filigranen Produkten aus diesem Hause den Namen „Zeit in Berlin“ oder eben kurz ZiB zu geben.

Immerhin spielt die Zeit nicht nur in Schulzes Uhrenatelier in der Propststraße eine Rolle. Der Standort weist ebenfalls ganz besondere Bezüge zu diesem Thema auf. Das Nikolaiviertel ist das älteste Wohngebiet in Berlin, die Nikolaikirche als zentrales Bauwerk das älteste Gotteshaus in der Region. Die spätromanische Feldsteinbasilika entstand um 1200. Die Nikolaikirche erweist sich als guter Orientierungspunkt, wenn man Peter Schulze besuchen und ihm beim Arbeiten über die Schulter blicken möchte. Von der Kirche sind es nur wenige Schritte ins kleine Uhrenatelier.

Uhrmacher und Kreativer

Wie so mancher seiner Kollegen kam Peter Schulze über einen Umweg zur Uhrmacherei. „Eigentlich bin ich Tischler. Aber nach einem Unfall musste ich mich nach einem anderen Beruf umsehen. Das Uhrmacherhandwerk hat mich schon immer interessiert. Also absolvierte ich eine Uhrmacherschule“, erzählt uns der Atelier-Inhaber. Danach arbeitete er mehrere Jahre für einen recht bekannten Berliner Uhrenhersteller, zu dessen Spezialitäten vor allem Zeitmesser im Fliegerdesign gehören. Weshalb dann dieser Schritt in die Selbstständigkeit? Die Risiken sind offenkundig. Wie die meisten kleineren und mittleren Ateliers, die wir im vorliegenden Buch porträtieren, verfügt auch Peter Schulze nicht über ein üppig dotiertes Marketingbudget, das es ihm erlauben würde, seine Uhren deutschlandweit bekannt zu machen. Zugleich steht er zwangsläufig im Wettbewerb mit den führenden Herstellern, die zum größten Teil zu internationalen Luxusgüterkonzernen gehören.

„Oft heißt es, Uhrmacher seien nicht kreativ. Ich weiß nicht, ob diese generelle Aussage zutrifft. Zumindest ich halte mich für einen kreativen Menschen, der gern eigene Ideen umsetzt“, sagt Schulze. Und er erzählt von den Zwängen, denen man als Mitarbeiter einer größeren Marke zwangsläufig ausgesetzt ist. „Oft bin ich morgens mit neuen Ideen aufgewacht, die ich am liebsten sofort verwirklicht hätte. Doch dann, am Uhrmachertisch des Arbeitgebers, musste man wieder die gleichen Modelle bauen wie in den Wochen und Monaten zuvor“. Der Wille, seine eigenen Ideen individuell umzusetzen, motivierte Peter Schulze, sich selbstständig zu machen – nach Kräften unterstützt von seiner Lebenspartnerin.

Seine Kreationen versteht der Berliner Uhrmacher nicht als Lifestyleprodukte, in denen sich kurzlebige Modetrends spiegeln. Die Zeitmesser mit dem schwungvollen ZiB-Logo stehen vielmehr symbolhaft für die eingangs erwähnte Zeit-Philosophie. „Schneller, schneller, immer neuer und noch trendiger und moderner. In diesen turbulenten Zeiten wächst die Sehnsucht der Menschen nach beständigen Werten, nach einem Anker“, ist Peter Schulze überzeugt. Wer sich in seinem Atelier umschaut, stellt schnell fest, dass der leidenschaftliche Uhrmacher zu den Traditionalisten zählt. Er baut ausschließlich runde Uhren in klassischem Design und im Zweifelsfall eher eine Spur puristisch. „Drei Zeiger, vielleicht eine Datumsanzeige, auf keinen Fall aber verschnörkelt“, so beschreibt Schulze seinen Stil. Einzige Ausnahme: der ZiB-Chronograph. Er hat naturgemäß ein paar Zeiger mehr, die über die Hilfszifferblätter kreisen.

Bewährte Werke aus der Schweiz

ZIB Römer

Obwohl Schulze eher ein Anhänger von Handaufzuguhren ist („Das abendliche Aufziehen der Uhr gehört bei mir zum normalen Tagesablauf“), hat er natürlich Automatikmodelle in seiner kleinen Kollektion. Gehäuse, Zifferblätter und Zeiger der ZiB-Uhren kommen aus Deutschland, angetrieben werden die Zeitmesser von bewährten Kalibern aus der Schweizer ETA-Familie. „Dank meiner früheren Tätigkeit habe ich noch recht gute Kontakte zu vielen Zulieferern, was mir nun zustatten kommt“. Peter Schulze gehört nicht zu jenen, die Uhrwerke aus China in Bausch und Bogen verdammen. Im Gegenteil, die Qualitätsstandards seien mittlerweile sehr hoch. Dennoch: Wenn eine Uhr mit dem Versprechen „Made in Germany“ oder „Swiss made“ zu entsprechend höheren Preisen auf den Markt komme, müsse der Käufer darauf vertrauen können, dass im Inneren kein China-Werk ticke, sagt Schulze. Deshalb haben seine Uhren alle einen Saphirglasboden.

Wer ein Blick in die ZiB-Zeitmesser wirft, erkennt „alte Bekannte“: das Handaufzugkaliber Unitas 6497 zum Beispiel, das Automatik-Werk ETA 2824-2 oder das klassische Chronographen-Kaliber ETA-Valjoux 7750. Allerdings: Peter Schulze bietet seinen Kunden viel mehr als reine „ETA-Hausmannskost“. In aufwändiger Handarbeit und mit viel Liebe zum Detail veredelt der Berliner die Rohwerke. Je nach Modell werden hierfür Brücken geschliffen und graviert, Schrauben und Stahlteile über der Flamme gebläut, vergoldet oder altversilbert sowie Unruhkloben perliert und graviert. „Eigentlich ist jede Uhr ein kleines Unikat, da ich die Werke unterschiedlich veredele“, sagt Peter Schulze. Das wirkt sich natürlich auf den Preis aus. In der Glasvitrine entdecken wir Handaufzuguhren in puristisch-eleganter Anmutung. Das Unitas-Werk, das wir durch einen Saphirglasboden betrachten, macht indessen alles andere als einen puristischen Eindruck. Es ist aufwändig veredelt und lässt den Preis von 750 Euro für diese Uhr als durchaus fair erscheinen. Das gleiche Modell gibt es aber auch für über 1000 Euro – mit einem faszinierend veredelten Unitas-Werk, das dazu einlädt, zur Uhrmacherlupe zu greifen und mit dem Auge „spazieren zu gehen“.

Automatik-Uhren von ZiB gibt es ab 490 Euro, für den Chronographen muss man knapp 1200 Euro kalkulieren. Flieger-Uhren aus Titan komplettieren die kleine Kollektion. „Ich arbeite mit geringen Stückzahlen“, erläutert Schulze. „Von jeder Modellvariante stelle ich maximal 20 Exemplare her“. Seine persönlichen Favoriten und gleichzeitig die Flaggschiffe der Kollektion sind skelettierte Uhrenunikate. Hierzu sägt Schulze manuell Brücken, Platinen, Zifferblätter und gegebenenfalls Rotoren so aus, dass möglichst wenig Rohmaterial übrig bleibt. Letztlich wird die Skelettierung nur durch die Funktionsfähigkeit des Werkes begrenzt. „Je nach Modell brauche ich für diese Arbeit bis zu 80 Stunden“. Nachvollziehbar, dass sich so etwas im Preis bemerkbar macht. Skelett-Uhren aus dem Hause ZiB gibt es ab 1450 Euro. Verglichen mit anderen handskelettierten Uhren erscheinen auch diese Preise fair.

Das Reservoir an Kreativität und neuen Ideen, das Peter Schulze dazu motivierte, den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen, ist damit längst noch nicht erschöpft. So plant er zum Beispiel, künftig verstärkt historische Uhrwerke zu verwenden. Einige AS-Kaliber hat er sich bereits besorgt („Die sind elegant flach und laufen einfach super“). Über einen Schaltradchronographen mit Porzellanzifferblatt denkt Schulze ebenfalls nach.

Skelett Uhr
Direkter Kontakt mit den Kunden

Wie alle kleineren Hersteller steht Peter Schulze vor einer Herausforderung der besonderen Art: Wie kann man einen Uhrenliebhaber, der bisher auf die großen, bekannten Namen fixiert war, von einer kleinen Nischenmarke wie ZiB überzeugen? Und über welche Vertriebswege sollen die Uhren an den Kunden gelangen? Der klassische Weg – Verkauf der Uhren über konzessionierte Juweliere – ist für kleine Hersteller sehr schwierig. Und selbst wenn dies möglich wäre, würden die Uhren aufgrund der Händlerspanne erheblich teurer. Bleibt der Direktverkauf und der Vertrieb über das Internet. Doch gerade der Onlinehandel birgt für alle Beteiligten Risiken. Peter Schulze verkauft seine Uhren daher am liebsten in seinem Berliner Atelier, wo er Interessenten seine Meisterwerke persönlich erläutern kann, oder über seine Homepage www.zib-uhrenatelier.de

„Man muss vor Ort präsent sein und Qualität bieten. Dann profitiert man von der ‚Mund-zu-Mund-Propaganda’. Das funktioniert bei uns schon ganz gut“, freut sich Peter Schulze. Das persönliche Gespräch mit den Kunden sei ihm sehr wichtig. „Allerdings muss ich zugeben, dass meine Partnerin eindeutig eloquentere Verkaufsgespräche führt als ich“, sagt der Atelier-Chef augenzwinkernd.

Wenn Peter Schulze mal nicht damit beschäftigt ist, Werke zu veredeln oder in aufwändiger Handarbeit zu skelettieren, repariert er Uhren. Seine Fertigkeiten als „Uhren-Doktor“ werden von einer Reihe anspruchsvoller Stammgäste geschätzt. Darunter auch ein hoher deutscher Diplomat, der – fern der Heimat eingesetzt – nach wie vor seine Taschenuhren nur Peter Schulze in Berlin anvertraut.

Bilder: ZiB