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Gioacchino

Irgendwann saß Joachim Barisch vor seiner veritablen Taschenuhren-Sammlung und stellte die Sinnfrage: Vor ihm lagen wahre Meisterwerke der Feinmechanik, die jedes Sammlerherz höher schlagen ließen. Seit allerdings die Westentasche nicht mehr zur standardmäßigen Ausrüstung der Herren-Garderobe gehört, ist es schwierig, solche Zeitmesser bei sich zu tragen. Wer möchte eine solche Uhr einfach in die Tasche stecken, wo möglicherweise schon Schlüssel, Kleingeld und andere Utensilien des täglichen Lebens verstaut sind?

Joachim Barisch jedenfalls wollte seine Uhren tragen, und so beschloss er, seine Sammlung umzustellen. Mehr noch: Barisch plante seinen eigenen Zeitmesser. Er trennte sich nach und nach von seinen Taschenuhren, was in vielen Fällen sicher nicht leichten Herzens geschah. Dafür kaufte er mechanische Armbanduhren. Im Laufe der Zeit entstand auf diese Weise eine ansehnliche Sammlung.

„Am Ende hatte ich über 400 Armbanduhren aus den unterschiedlichsten Preiskategorien. Meine Kollektion reichte von der einfachen Uhr, die ich auf dem Flohmarkt erworben hatte, bis hin zu einer alten Patek Philipp Calatrava.“ Zeitmesser aus der Schweiz, Deutschland, England und den USA befanden sich in der Sammlung des Uhrenliebhabers. Und wer so viele Uhren sein Eigen nennt und sich intensiv mit ihnen beschäftigt, eignet sich viel Wissen über die Objekte seiner Begierde an. Dennoch: „Uhrmacher hätte ich nicht werden können. Dazu bin ich zu unruhig. Ich könnte nicht stundenlang an einem Uhrmachertisch sitzen“, räumt Barisch augenzwinkernd ein.

Zunächst dachte er daran, sein gesammeltes Know-how über die Wertentwicklung mechanischer Armbanduhren als Buch auf den Markt zu bringen. Doch dann hatte Joachim Barisch eine Idee, die ihn ungleich stärker faszinierte: Er wollte seine eigene Uhr bauen – mit einem ganz individuellen Zifferblattdesign. Ausgestattet mit einem Schweizer Präzisionswerk, sollte die komplette Remontage der Uhr in Deutschland erfolgen. Barisch war also auf Dienstleister angewiesen. Und die ließen ihn wissen, er müsse mindestens 100 Exemplare herstellen lassen, um zu einem einigermaßen akzeptablen Stückpreis zu kommen.

Joachim Barisch
Joachim Barisch

Der Uhren-Liebhaber aus Bayern war von seiner Idee überzeugt und daher zuversichtlich, die übrigen 99 Exemplare in seinem Bekannten-, Freundes- und Kollegenkreis verkaufen zu können, zumal die Uhr damals für weniger als 500 Euro erhältlich war. „Meine Patek Philippe trug ich selten am Handgelenk. Mir war sie einfach zu wertvoll. Aber auch eine Uhr für den Alltag sollte mit einem charakteristischen Design und einer eigenen Handschrift aufwarten“, sagt Joachim Barisch. Das ist ihm mit seinem Modell offenkundig gelungen, denn seine Zeitmesser gefielen – und der autodidaktische Uhrendesigner beschloss im Jahr 2002, seine eigene Firma zu gründen und weitere Uhren zu gestalten und fertigen zu lassen.

Wir besuchten Joachim Barisch in seinem Atelier in Landsberg am Lech. Wieder eine Uhrenmarke aus Bayern. Wer an feine Zeitmesser denkt, dem kommen die Schweiz und Glashütte in den Sinn, vielleicht noch der Schwarzwald und Pforzheim. Doch mittlerweile haben viele Ateliers und Manufakturen ihren Sitz in Bayern, darunter mehrere Individualisten wie Joachim Barisch. Immerhin, wir kommen auf zehn Uhrenmarken aus dem Freistaat.

Gioacchino steht für Joachim

Die Marke von Joachim Barisch klingt allerdings gar nicht bayerisch, eher schon würde man italienische Wurzeln vermuten: J.B. Gioacchino – unter diesem seit der Firmengründung 2002 geschützten Namen verkauft der Uhren-Liebhaber aus Landsberg seine Zeitmesser. Wie kommt man auf einen solchen Markennamen? Joachim Barisch schmunzelt: „Mit meinem bürgerlichen Namen kann man keine starke und imageträchtige Marke aufbauen, es sei denn, man investiert unglaublich viel Geld in Werbung. Doch das schaffen allenfalls die internationalen Luxuskonzerne. Also entschied ich mich für meine Initialen ‚J.B.’“. Für den ausgeschriebenen Markennamen „Gioacchino“ gibt es ebenfalls eine recht einfache Erklärung. Barisch hat Verwandte in Italien, die ihn „Gioacchino“ rufen. Das heißt im Italienischen nämlich schlicht Joachim. Und schon war der Markenname geboren. Er assoziiert italienische Lebensart, Kreativität und Designtalent, selbst wenn Barisch die Komponenten für seine Uhren ausschließlich aus der Schweiz und Deutschland bezieht.

J.B. Gioacchino
In drei Lagen feinreguliert

Mit Pfunden sollte man bekanntlich wuchern. Wenn ein Jungunternehmer über einen Markennamen verfügt, der fast schon melodiös klingt und positive Bilder in die Köpfe der Menschen projiziert, dann lassen sich auch andere anspruchsvolle Dinge damit schmücken. So brachte Barisch unter dem Namen „Gioacchino Sei“ ein Herren-Eau de Toilette auf den Markt.

Wir aber interessierten uns vor allem für die Zeitmesser aus dem kleinen Atelier in der pittoresken Altstadt von Landsberg – und widmeten unsere Aufmerksamkeit gleichsam der „Ur-Uhr“, mit der im Jahr 2002 alles begann. Zwei Dinge fallen sofort auf: die Pulsometerskala und der applizierte Äskulapstab, das weithin bekannte Symbol des ärztlichen und pharmazeutischen Standes. Die Pulsometerskala, wie sie auf manchen alten Taschenuhren zu finden ist, diente einst dazu, die Pulsfrequenz eines Patienten zu messen. Uhren mit einer solchen Skala auf dem Zifferblatt wurden daher als „Doctor’s Watches“ bezeichnet. Was es mit dem Äskulapstab auf sich hat, ist bis heute umstritten. Angeblich war Asklepios, der griechische Gott der Heilkunde, immer mit einer Natter unterwegs, die sich um den Wanderstab ringelte. Immerhin wurden Schlangen magische Kräfte nachgesagt. Aus ihrem Fleisch stellte man früher Heilmittel her.

Joachim Barisch aber ist kein Mediziner – und möchte seine Uhren natürlich nicht nur an Ärzte und Apotheker verkaufen, „Die Äskulap-Schlange und die Pulsometerskala sind optische Features, mit denen sich meine Uhren von anderen Zeitmessern differenzieren. Ich wollte nicht nur eine schlichte Dreizeiger-Uhr bauen“, erläutert Barisch. Daher sind Pulsometerskala und Äskulap-Stab auf fast allen Zifferblattvarianten der J.B. Gioacchino-Uhren zu finden. Lediglich einige neuere Varianten verzichten darauf. Auf ihrem Zifferblatt prangt ein rotes „R“ für „reduced“, also reduziert.

Premiere mit dem Modell „Esculap“

Am Anfang der jungen Geschichte der Marke J.B. Gioacchino stand das Modell „Esculap“, das zunächst mit einem schwarzen und blauen Zifferblatt erhältlich war. Heute gibt es diese Uhr mit roten, gelben und hellsilbernen Zifferblättern. Diese Modelle werden von dem Automatikkaliber ETA 2824-2 angetrieben. Die Dreizeiger-Uhr mit Datumsanzeige bei „3-Uhr“ erhält durch die Pulsometerskala und die Äskulap-Applik ihren unverwechselbaren Charakter. Der äußere Ring des Zeitmessers am Übergang zur Lünette zeigt die Minuten an, so dass trotz der vielen Ziffern der Pulsometerskala die Ablesbarkeit der Uhr sehr gut ist. Mit einem Gehäuse-Durchmesser von 41 Millimetern ist sie einerseits groß genug, um selbst an einem kräftigen Handgelenk zu gefallen, andererseits wirkt sie nicht übertrieben protzig wie manche Zeitmesser mit „Nivea-Dosen-Charakter“.

Mondphase
JB7751-Mondphase

Nach wie vor ist die „Esculap“ ein wichtiger Bestandteil in der Kollektion von J.B. Gioacchino. Der Preis von 545 Euro erscheint fair, zumal der Käufer einen Zeitmesser mit einem bewährten Schweizer Werk erhält – und keine Billigware aus China. Die eine oder andere Konzession muss der Erwerber aber machen: Die „Eskulap“ wird als Basismodell lediglich mit einem Mineralglas ausgestattet. Hier sollte man den kleinen Aufpreis nicht scheuen und sich für ein kratzfestes Saphirglas entscheiden.

Das zweite Modell in der J.B. Gioacchino-Kollektion war die „Nightflight“, ein Modell im Fliegeruhrendesign und mit dem bewährten Unitas-Handaufzugskaliber. Vermutlich ist es der früheren Affinität von Joachim Barisch zu Taschenuhren geschuldet, dass er ein Modell mit diesem Kaliber in seine Kollektion aufgenommen hat. Das Eta-Unitas-Werk ist gleichsam der klassische „Taschenuhren-Motor“. Aufgrund seiner Dimensionen bietet es eine breite Bühne für zahlreiche Verzierungen. Das Basismodell der Nightflight mit Saphirglas und drei Farbvarianten des Zifferblatts (schwarz, dunkelblau und dunkelbraun) kostet 645 Euro. Gegen Aufpreis gibt es diese Uhr mit Schwanenhals-Feinregulierung, verschraubten Goldchatons sowie Sonnenschliff auf Kron- und Sperrrad („Pure Tool“). Diese Uhr wird in drei Lagen feinreguliert. Wie es sich für ein Taschenuhrwerk gehört, verfügt die Armbanduhr „Nightflight“ über eine kleine Sekunde bei „9-Uhr“. Die Pulsometerskala erscheint auf dem Zifferblatt dieser Uhr eher dezent als Halbkreis am Rande der Sekundenanzeige. Die Äskulap-Schlange windet sich über der als Dreieck dargestellten „6-Uhr“-Markierung um den Stab. Auch „12-Uhr“ und „3-Uhr“ erscheinen als dreieckige Indexe. Zu den Anforderungen an eine Fliegeruhr gehört eine sehr gute Ablesbarkeit in der Nacht. Die „Nightflight“ trägt in dieser Hinsicht ihren Namen nicht von ungefähr. Ein Blick aufs Zifferblatt verrät selbst im Dunkeln die genaue Uhrzeit.

Das Modell „Stingray“ ist eine Uhr im klassischen Taucherdesign mit markanter Lünette und einem Armband aus Edelstahl. Eingebaut wird das Schweizer Automatikwerk ETA 2824-2. Mit dem Kaliber 2893-2 gab es diese Uhr auch mit GMT-Funktion, sprich: mit zweiter Zeitanzeige. Bei Redaktionsschluss des vorliegenden Buches war dieses Modell allerdings ausverkauft.

Für seine Chronographen greift Joachim Barisch ebenfalls auf bewährte „Motoren“ von ETA zurück. Die Chronos von J.B. Gioacchino werden angetrieben von den Kalibern ETA-Valjoux 7750 beziehungsweise 7751, von denen die Schweizer Uhrmacherlegende Paul Gerber einmal sagte, sie seien die zuverlässigen „Traktoren“ unter den Uhrwerken mit Kurzzeitmessung. Der Chrono Sport von J.B. Gioacchino überzeugt durch eine sehr klare und aufgeräumte Zifferblattgestaltung. Der Chronograph trägt eine ganz eigene Handschrift, was ihn von vielen Konkurrenzmodellen, die sich immer ähnlicher werden, wohltuend unterscheidet. Natürlich wird diese Uhr mit einem Saphirglas ausgestattet. Der Kunde hat die Wahl zwischen schwarzen, braunen, weißen und schwarz-silbernen Zifferblatt-Varianten. Chacun á son gout, aber wir geben offen zu, dass wir vom weißen Zifferblatt besonders begeistert waren. Der Preis lag bei Redaktionsschluss bei knapp 1500 Euro.

Flaggschiff in der Kollektion ist der Chrono Sport mit Mondphase, erhältlich in den interessanten Zifferblatt-Farbvarianten perlmutt-grün und perlmutt-weiß, oder aber in schwarz, blau oder weiß (Preis: knapp 2000 Euro). Alle Chronos von J.B. Gioacchino gibt es ferner in der etwas größeren Classic-Variante (44 Millimeter Durchmesser) mit gerändelter Lünette und Zwiebelkrone. Ein rechteckiges Modell mit der Bezeichnung „JB2824“ in den Zifferblattfarben schwarz, blau und weiß rundet die J.B. Gioacchino-Kollektion ab.

Bekenntnis zu nachhaltigen Zeitmessern
J.B. Gioacchino - Automatic
J.B. Gioacchino - Automatic

Wenn Joachim Barisch über seine Zeitmesser spricht, fällt häufig der Begriff „nachhaltig“. Das mag man im ersten Moment für eine Vokabel halten, die derzeit sehr en vogue erscheint und in keinem Geschäftsbericht und in keiner Imagebroschüre fehlen darf. Barisch aber interpretiert diesen Begriff sehr pragmatisch. Nachhaltig sind mechanische Uhren von hoher Qualität. Keine Zeitmesser, die alle drei Jahre neuer Batterien bedürfen und nach ein paar weiteren Jahren entsorgt werden müssen. Uhren von nachhaltiger Qualität werden bei regelmäßiger Pflege in der Regel älter als ihre Besitzer. „Mit unseren Uhren verbinde ich Gedanken an den Großvater, der seinem Enkel etwas Besonders hinterlässt – seine ‚gute’ Uhr“, sagt Joachim Barisch.

Im besten Sinne des Wortes nachhaltig soll ferner das Design der Uhren sein. „Als Firmengründer und Liebhaber feiner Uhren entwerfe ich jedes Modell selbst, gehe keine Kompromisse ein. Hundertprozentige Identifikation“. Heißt im Klartext: Barisch will nicht dem Massengeschmack nachlaufen, was im Ergebnis dazu führt, dass sich manche großen Marken kaum noch voneinander unterscheiden, weil sie stromlinienförmig dem angeblichen Zeitgeist angepasst wurden.

„Wir sind ein junges Unternehmen, das enthusiastisch an die nachhaltige Entwicklung seiner Modelle geht“, sagt der Uhrenliebhaber. Zudem soll mechanische Qualität bezahlbar bleiben. „Wenn jemand ernsthaft behauptet, man könne unter 1000 Euro keine mechanische Automatikuhr mit einem Schweizer Werk anbieten, dann stimmt etwas nicht in der Kalkulation oder ein üppiger Marketingetat muss dotiert werden“, mutmaßt Joachim Barisch. Er hingegen lässt es bescheiden angehen. „Ich mache vieles selbst, fotografiere sogar die Uhren für meinen Prospekt“, berichtet der Kleinunternehmer. „Meine Kunden werden durch Berichte in Büchern und Zeitschriften sowie über das Internet - www.jb-watch.com - auf mich aufmerksam, aber natürlich auch durch persönliche Empfehlungen. Manche kommen hierher in mein Geschäft, lassen sich etwas über meine Uhren erzählen und kaufen sich dann einen Zeitmesser aus Landsberg mit Swiss-made-Kaliber“. Immerhin, eine Uhr aus Deutschland mit Schweizer Werk und einem klingenden italienischen Namen - wenn das keine erfolgversprechende Liaison ist.

Bilder: J.B. Gioacchino