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Junkers 52

Im Februar 2018 starb im Alter von 101 Jahren die deutsche Uhren- und Fliegerlegende Helmut Sinn. Uhrengourmet-Redakteur Michael Brückner, der Sinn mehrfach privat und geschäftlich getroffen hatte, erinnert sich.

Mit welcher Anekdote soll man einen Bericht über Helmut Sinn und seinen ganz besonderen Humor beginnen? Ich zum Beispiel habe mich über das folgende Erlebnis köstlich amüsiert: Ich saß mit Helmut Sinn und einem Privatpiloten in einem Weinlokal in Nierstein bei Mainz. Kurze Zeit später stieß ein Arzt hinzu, der einige alte Sinn-Uhren sein Eigen nennt und den „schnellen Helmut“ persönlich kennenlernen wollte. Der Pilot in unserer Runde stellte die beiden Herren vor.

„So, Sie sind also Arzt“, sagte Sinn, während er dem Mediziner kurz die Hand schüttelte. „Willkommen, Herr Kollege“.

„Kollege… Sind Sie….?“ Der Arzt reagierte etwas verdutzt. Da reichte ihm Sinn ein kleines Visitenkärtchen. Darauf stand: „Helmut Sinn, U(h)rologe“. Es sollte noch ein amüsanter Abend werden.


Pilot und Uhrenkonstrukteur

Helmut Sinn war gleichermaßen ein begeisterter Pilot und Uhrenkonstrukteur. Aber keine Frage, die Fliegerei begeisterte ihn besonders nachhaltig. Als ich ihn vor mehreren Jahren zum ersten Mal in seiner kleinen, seltsam bescheidenen Wohnung in Frankfurt traf, wurde im Laufe des Gesprächs diese Affinität überdeutlich. „Schon in meiner Jugend war ich geradzu besessen von der Vorstellung zu fliegen“, erzählte er mir. Und später, als Pilot, habe er sehr schnell festgestellt, dass sich die Menschen da oben veränderten, wenn sie mehrere tausend Meter über den irdischen Niederungen am Himmel schwebten.

So kann es nicht verwundern, dass am Anfang von Helmut Sinns Karriere nicht die Uhrmacherei, sondern die Fliegerei stand. Tatsächlich sollten sich der Handel und die Fabrikation von speziellen Zeitmessern später gleichsam als Notlösung erweisen, mit deren Hilfe Sinn nach dem Zweiten Weltkrieg seinen Lebensunterhalt verdiente.

Am 3. September 1916 in Metz (Lothringen) geboren, kam Sinn mit seinen Eltern nach dem Ersten Weltkrieg in die benachbarte Pfalz. Schon in seiner Jugend wurde er vom Flieger-Virus infiziert, meldete sich als Flugzeugführeranwärter bei der Armee an und machte gleichzeitig seinen zivilen Segelflugschein in Würzburg. Nach der Grundausbildung in der Wehrmacht absolvierte Sinn einen Lehrgang an der Motorflugschule Quedlinburg.

Kaum hatte er seine Lizenz erworben, wurden seine fliegerischen Fähigkeiten auf eine harte Probe gestellt: Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs steuerte Sinn kleinere Aufklärungsflugzeuge entlang des Ärmelkanals. Später absolvierte er eine weitere Ausbildung zum Führer von größeren Militärflugzeugen. Der begeisterte Pilot lernte indessen schon bald die lebensgefährlichen Risiken der Fliegerei unter Kriegsbedingungen kennen: Sinn musste mit einer Kampfmaschine in Russland notlanden.

„Ich hatte Glück im Unglück, denn ich konnte das Flugzeug noch in ein Waldgebiet steuern. Das hat die Wucht des Aufpralls gemindern und mir vermutlich das Leben gerettet“, blickt Sinn zurück. „Wäre es anders verlaufen, gäbe es heute keine Sinn-Uhren“, fügt er mit einer Prise schwarzem Humor hinzu.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und amerikanischer Kriegsgefangenschaft fand die Piloten-Karriere von Helmut Sinn zunächst ein jähes Ende. Die Alliierten untersagten deutschen Piloten und Fluglehrern die Ausübung ihres Berufs. Aber auch Sinn wollte mit allem Militärischem zunächst nichts mehr zu tun haben. Als ihm die später gegründete Bundeswehr sehr attraktive Angebote machte, um ihn als Ausbilder für die Luftwaffe zu gewinnen, lehnte er alle Offerten kurzentschlossen ab.

Helmut Sinn im Gespräch mit Uhrengourmet-Redakteur Michael Brückner und dem Hobbypiloten H. A. Traub
Helmut Sinn im Gespräch mit Uhrengourmet-Redakteur Michael Brückner und dem Hobbypiloten H. A. Traub

Mit dem VW-Käfer nach Südafrika

Doch die Liebe zum Abenteuer war ungebrochen. Im Jahr 1953 durchquerte Sinn im Rahmen der Rallye Algier-Kapstadt den gesamten afrikanischen Kontinent mit einem von Porsche motorisierten VW-Käfer. Und: Er gewann diese Herausforderung. Als Pilot und Rallye-Fahrer wurde ihm bald bewusst, wie (überlebens-)wichtig präzise und gut ablesbare Instrumente sind. Dazu gehören nicht zuletzt robuste Zeitmesser.

Sinn begann zunächst damit, preiswerte Fliegeruhren zu verkaufen. Doch schon bald erinnerte er sich an seine Erfahrungen, die er als Pilot gesammelt hatte und befasste sich fortan mit der Entwicklung von Borduhren für die Bundeswehr. Wie erwähnt, wollte Sinn an und für sich mit allem Militärischem nichts mehr zu tun haben, doch als Kunde war die Luftwaffe natürlich willkommen. Im Laufe der Zeit entwickelte und produzierte er Borduhren unter anderem für den Hubschrauber BELL UH1D, den Starfighter, den Alphajet und den Tornado. Die Qualität seiner Produkte sprach sich schnell herum, und so meldeten auch zivile Fluggesellschaften ihr Interesse an. Im Jahr 1956 gründete Sinn die Frankfurter Firma „Helmut Sinn Spezialuhren“. Schon im Gründungsjahr entwickelte Sinn den ersten Flieger-Chronographen als Armbanduhr in Anlehnung an Flugzeug-Borduhren. Später lancierte er einen vielbeachteten Zeitmesser mit einem Doppel-Stundenanzeiger.

In den Jahren danach wussten Freunde dieser Marke nicht nur die Qualität der Armbanduhren aus dem Hause Sinn zu schätzen, sondern auch deren faire Preise. Das war möglich, da Sinn von Anfang an auf den Direktvertrieb setzte. Er produzierte Uhren – und die Kunden kauften sie ihm ab. Da sei kein Platz für „Schmarotzer“, wie Sinn in der ihm bis zuletzt eigenen recht deftigen Sprache Juweliere und andere Händler zu bezeichnen pflegte.

Freunde machte er sich mit Statements dieser Art gewiss nicht überall in der Branche. Seine Fangemeinde aber störte dies nicht im Geringsten. Viele von ihnen legten schon früher Hunderte von Kilometern zurück, um sich ihre „Sinn“ persönlich abzuholen. Außerdem verzichtete Sinn konsequent auf „Marketinggesülze“, wie er es nannte. Hatte er auch nicht nötig, denn die Werbung bekam er sozusagen kostenlos, als die deutschen Astronauten Reinhard Furrer, Reinhold Ewald und Klaus-Dieter Flade mit Sinn-Uhren am Handgelenk in den Kosmos starteten.

Bisweilen war sein Umgang mit Kunden ein wenig gewöhnungsbedürftig. So erzählte er mir einmal, wie er mit Kunden umging, die nach einem Rabatt fragten: „Die von mir angebotenen Uhren sind so knapp kalkuliert, da kann ich keinen Rabatt geben. Wenn’s Ihnen nicht passt, dann müssen sie halt zum Juwelier gehen und sich dort den Hals abschneiden lassen“.

Einem Amerikaner mit einem Kaugummi zwischen den Zähnen wies er forsch die Tür: „Gehen Sie raus. Spucken Sie das Zeug aus, dann können Sie wieder reinkommen!“ Angeblich kam er auch wieder rein.

Blick ins Werk der HS 102
Blick ins Werk der HS 102 In wenigen Tagen ausverkauft
Helmut Sinn und der „Befreiungstritt“

Überhaupt: die Amerikaner. Sie mussten bei Sinn zehn Prozent mehr zahlen für ihre Uhren. „Das war das Schmerzensgeld für den ‚Befreiungstritt’“, erzählte mir der Frankfurter augenzwinkernd und berichtete von einem amerikanischen Soldaten, der ihm bei seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft mit den Worten: ‚Willkommen in der Freiheit, Sonnyboy’ noch einen schmerzhaften Tritt verpasst habe. Unter vier Augen sprach Sinn auch schon mal von der „Arschtritt-Prämie“, die „Amis“ bei ihm zu zahlen hätten.

Mitte der 1990er Jahre verkaufte Sinn als rüstiger Endsiebziger seine Firma an den ehemaligen IWC-Ingenieur Lothar Schmidt. Was diesen Deal angeht, so gibt es bis heute unterschiedliche Bewertungen. Auch wenn sich die Firma Sinn Spezialuhren gern auf ihren Namensgeber beruft, das Tischtuch zwischen beiden war dauerhaft zerschnitten – und das ist noch sehr zurückhaltend formuliert.

Helmut Sinn wollte sich jedoch nach dem Verkauf seiner ehemaligen Firma nicht einfach zur Ruhe setzen. Er erwarb 1995 das Schweizer Traditionsunternehmen Guinand Watch Co S.A., das zwar wirtschaftlich nicht eben auf stabilen Säulen stand, sich aber als Hersteller von Chronographen mit und ohne Schleppzeiger einen Namen gemacht hatte. Bis zum Jahr 1994 produzierte Guinand alle Uhren der Marke Sinn.

Nach der Übernahme dieses Unternehmens folgte Sinn seiner bewährten Devise: ausschließlich Direktvertrieb und keine Rabatte. Für viele treue Kunden des „schnellen Helmuts“, wie ihn manche nannten, waren Guinand-Zeitmesser fortan die wirklichen, die authentischen Sinn-Uhren. Nach seinem 90. Geburtstag übergab Sinn die Leitung von Guinand an den Uhrenfachmann und Ingenieur Horst Häßler. Auch mit ihm war er offenkundig nicht immer einer Meinung. Mir gegenüber bezeichnete Sinn den damals über 70jährigen Häßler mal als „jungen Mann“, der eben andere Vorstellungen habe als er mit über 90 Jahren.

Die Guinand HS102, eine Hommage an Helmut Sinn
Die Guinand HS102, eine Hommage an Helmut Sinn
Ein neuer Anfang für Guinand

Im Frühjahr 2014 erhielten die Kunden und Freunde der Uhrenmarke Guinand dann unerfreuliche Post. Horst Häßler teilte mit, dass schon wenige Wochen später das Unternehmen seinen Geschäftsbetrieb einstellen müsse. Grund: Den Gesellschaftern sei es nicht gelungen, einen geeigneten Nachfolger zu finden. Sofort erschienen wahre Nekrologe auf den einschlägigen Internetseiten. Tatsächlich hätte nicht viel gefehlt, und Guinand wäre Ende des Jahres 2014 auf dem Markenfriedhof der Geschichte gelandet.

Obwohl Helmut Sinn an seinem 100. Geburtstag im Jahr 2016 noch Auto fuhr und er sich nach einer anstrengenden nächtlichen Fahrt bei strömendem Regen von Süddeutschland nach Frankfurt sogar mit dem Gedanken trug, ein neues Auto zu kaufen, wollten er und sein Geschäftsführer aussteigen. Erst in letzter Minute erfuhr der Frankfurter Elektroingenieur und Uhrenliebhaber Matthias Klüh vom geplanten Ende der traditionsreichen Uhrenmarke. „Ich ließ über den ehemaligen Geschäftsführer bei den Gesellschaftern – also der Familie Sinn – anfragen, ob sie sich vorstellen könnten, mir die Marke Guinand zu verkaufen. Sie konnten.“ So wurde Matthias Klüh im Jahr 2015 neuer Inhaber von Guinand-Uhren. Die bei ihren Freunden so beliebte Marke war gerettet.

Zum 100. Geburtstag, den Helmut Sinn noch bei relativ guter Gesundheit erlebte und in den neuen Räumen von Guinand feierte, lancierte die Marke den Chronographen HS100 – ein auf 100 Stück limitiertes Sondermodell zum großen Geburtstag von Helmut Sinn. Die Uhr war im Nu ausverkauft.

Wenige Tage nach dem Tod von Helmut Sinn kam der auf 102 Stück (Anzahl der Lebensjahre Sinns) limitierte Chronograph J41-HS102 auf den Markt. „Ein Sammlerstück als Hommage“, wie die FAZ schrieb. Und die Sinn-Gemeinde griff schnell zu. Die HS 102 war noch schneller ausverkauft als die HS100.


So habe ich mich gefreut, mir eines dieser Sammlerstücke sichern zu können. Mich erreichte die Nachricht vom Tod Helmut Sinns Mitte Februar im Zug während der Fahrt nach Friedrichshafen. Und meine Gedanken gingen zurück in den November 2017, als wir wegen seiner Lebenserinnerungen telefonierten. Er habe „waschkörbeweise“ Material gesammelt. Bleibt zu hoffen, dass wir irgendwann die ganze Geschichte dieses außergewöhnlichen Mannes lesen können.

Bilder: Guinand, Archiv Brückner, Panthermedia