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Zeit

Die Zeit sei eine knappe Ressource, heißt es goldrichtig. Keiner weiß, wie knapp sie für einen ganz persönlich ist. Da liegt es auf der Hand, dass man Zeit gewinnen und verlieren kann. Und man kann Zeit verschenken – möglicherweise das kostbarste Geschenk überhaupt. Es gibt Zeitgenossen, die unsere Zeit rauben (zum Beispiel jene unsäglichen Schwätzer, die jeder schon in Meetings kennenlernen durfte), und andere, denen wir gern unsere Zeit schenken. Wieder andere vertreiben sich die Zeit, weil sie damit nichts anzufangen wissen, weil ihnen langweilig ist. Doch was ist die Zeit? Wie lässt sich dieses seltsame Phänomen definieren? Und lässt es sich überhaupt definieren?

Manche Philosophen halten die Zeit aufgrund von prinzipiellen Aporien schlechterdings für ein unlösbares Rätsel. Woher kommt die Zeit? Diese Frage stellte sich schon Augustinus (354-430 n. Chr.) und kam zu folgender Antwort: „Die Zeit kommt aus der Zukunft, die nicht existiert, in die Gegenwart, die keine Dauer hat, und geht in die Vergangenheit, die aufgehört hat zu bestehen“. Für andere beginnt die Zeit mit der Geburt eines Menschen. Fortan läuft die Uhr rückwärts bis zum Tod des Betreffenden. Das aber wäre keine schlüssige Zeitdefinition, sondern beschriebe allenfalls die Lebenszeit eines Menschen.

Immerhin gibt es Versuche, die Zeit zu definieren, wobei keine so recht überzeugt. Die gängigste Definition lautet: Zeit ist der unendliche kontinuierliche Ablauf von Existenz und Ereignissen, der sich in scheinbar irreversibler Reihenfolge aus der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft abspielt. Und schon drängt sich die nächste Frage auf. Wie, bitte, definieren wir Unendlichkeit beziehungsweise Ewigkeit? Zumindest eine Anmutung von der Ewigkeit gibt folgende bekannte Geschichte: Stellen Sie sich vor, irgendwo auf unserem Planeten gäbe es einen Berg, der eine Million mal höher wäre als alle Berge auf Erden zusammengenommen. Alle zehn Millionen Jahre kommt ein Vogel aus dem All und wetzt an diesem Berg sein Schnäbelchen. Eine Sekunde der Ewigkeit ist vergangen, sobald der Berg abgetragen ist. Eine schöne Geschichte, finde ich, doch im Grunde muss die Ewigkeit zeitlos sein. Was weder Anfang noch Ende hat, lässt sich nicht einmal in Lichtjahre portionieren.

Obwohl, wie erwähnt, die Zeit auch große Philosophen vor ein Rätsel stellt, gibt es dennoch zwei unterschiedliche Ansatzpunkte, um das Phänomen Zeit zu fassen. Isaac Newton zum Beispiel sah die Zeit als Teil der fundamentalen Struktur des Universums an. Nicht von ungefähr spricht man von der „Newtonschen Zeit“. Vereinfacht ausgedrückt, wird die Zeit von den Schülern dieses Philosophen als ein riesiger Behälter angesehen, in den wir alle Ereignisse packen. Immanuel Kant und Gottfried Leibniz hingegen sahen in der Zeit eine Struktur, in die wir Menschen Ereignisse in eine bestimmte Reihenfolge bringen oder vergleichen. Ist die Zeit also eine Erfindung der Menschen? Dagegen spricht, dass auch Tiere und Pflanzen eine Art Zeitgefühl haben. Es gibt tatsächlich ein Volk im Andamanen-Urwald, das ohne Uhren und Kalender auskommt, weil es die Zeit am Duft der Pflanzen erkennt. Je nach Tages- und Jahreszeit sondern diese Pflanzen mal einen stärkeren, mal einen weniger starken Duft ab.

Buch - Ach duliebe Zeit

„Mach es wie die Sonnenuhr…“

Dieses Volk aber, das sich mit einem sehr „ungefähren“ Zeitempfinden zufrieden gibt, stellt eine Ausnahme dar. Denn es lässt sich nicht bestreite, dass die Menschen schon vor Tausenden von Jahren die Zeit möglichst genau zu messen versuchten. Oft war der Mond die erste natürliche Uhr, für die Ägypter später die Sonne. Und bis heute finden wir in manchen Gärten und Parks wunderschöne Sonnenuhren, die den Menschen nicht nur die (ungefähre) Tageszeit angeben, sondern ihnen gleichzeitig auch eine weise Empfehlung mit auf den Weg geben: „Mach’ es wie die Sonnenuhr, zähl’ die schönen Stunden nur“. Die schönen Stunden der Nacht freilich dürften bei strenger Befolgung dieser Maxime unter den Tisch fallen. Im frühen Mittelalter waren in vielen Klöstern sogenannte Wasseruhren im Einsatz, die den Mönchen anzeigten, wann es Zeit zum Beten war. Die Wasseruhr folgt demselben Prinzip wie die Sanduhr, die uns heute noch beim Sieden von Eiern oder beim Zähneputzen hilft.

So vage der Begriff „Zeit“ von den Philosophen auch definiert werden mag, in anderen Bereichen nimmt man diesen Begriff sehr genau. Zum Beispiel in der Physik. Die Zeit mit dem Formelzeichen „t“ ist eine der sieben fundamentalen physikalischen Größen, ebenso wie etwa Masse, Strom und Temperatur. Die Geschwindigkeit messen wir in Kilometer pro Stunde. Unter Lichtgeschwindigkeit verstehen wir die Strecke, die das Licht in einem Jahr zurücklegt. Sie entspricht 9,4605 Billionen Kilometer. Wenn Sie glauben, das sei eine nahezu unvorstellbare Strecke, dann sollten Sie sich vor Augen führen, dass unsere Milchstraße einen Durchmesser von rund 150.000 Lichtjahren hat. Der Vollständigkeit halber sei auch der wenig bekannte Begriff „Parsec“ erwähnt; dieses Wort setzt sich zusammen aus Parallaxe und Sekunde. Auch hier spielt die Zeit also eine wichtige Rolle. Ein Parsec entspricht 3,26 Lichtjahre.

Bleiben wir noch einen Augenblick bei der Physik und wenden wir uns einem der prominentesten Physiker der Geschichte zu: Albert Einstein. Seit seiner Relativitätstheorie wissen wir, dass die Zeit langsamer vergeht, je weiter wir uns an die Lichtgeschwindigkeit annähern. Salopp ausgedrückt: Gelänge es, einen Menschen mit annähernder Lichtgeschwindigkeit durchs All zu jagen, würde sich dieser Ausflug gleichsam als „Jungbrunnen“ erweisen.

Renaissance der „Doctor’s watch“

Natürlich kommt darüber hinaus der Zeit in der Medizin eine wichtige Bedeutung zu. Schon so banale Dinge wie die Pulsmessung setzt eine Zeiteinheit voraus – eben die Zahl der Pulsschläge pro Minute. Bis in die 1960er Jahre, als der Hausarzt seine Patienten noch zu Hause am Bett besuchte und keine der heute üblichen elektronischen Helfer zur Hand hatte, fühlten die Ärzte den Puls und schauten auf ihre Armband- oder Taschenuhr. Manche Uhrenhersteller wollten es den Medizinern etwas einfacher machen und brachten sogenannte „Doctor’s watches“ auf den Markt. Dabei handelte es sich um Uhren mit springendem Sekundenzeiger – so wie er heute bei Quarzuhren üblich ist. Mechanische Uhren hingegen verfügen über eine schleichende Sekundenanzeige. Der Zeiger dreht in diesem Fall also eher gemächlich seine Runde über das Zifferblatt. Die springende Sekunde erleichterte es den Ärzten, ihren Patienten die genaue Pulsfrequenz zu messen. Später wurden Armbanduhren mit springender Sekunde nicht mehr gefertigt, „Doctor’s watches“ waren einfach nicht mehr gefragt. Es war die kleine, aber feine Uhrenmanufaktur Habring² in Kärnten, die diese fast schon vergessen geglaubte Komplikation wieder zum Leben erweckte.

Auch in der Ökonomie spielt die Zeit eine wichtige Rolle. „Zeit ist Geld“, sagte einst Benjamin Franklin im Jahr 1748, also zu einer Zeit , als noch niemand etwas mit dem Begriff „Sekundenhandel“ anfangen konnte, auf den ich gleich noch näher eingehen werde. „Zeit ist Geld“ mahnt uns heute, keine Zeit zu vergeuden, weil die Zeit knapp und daher wertvoll ist. Mit anderen Worten: Wer Zeit vergeudet, verschwendet einen wertvollen Rohstoff. „Zeit ist Geld“ ist aber oft auch das Mantra jener Zeitgenossen, die quasi mit Dollar-Zeichen in den Augen rastlos jedem möglich Gewinn nachhecheln. Ganz so, als sei es wirklich ein erstrebenswertes Ziel, eines Tages der reichste Mann oder die reichste Frau auf dem Friedhof zu sein. Abgesehen von solch eher fragwürdigem Verhalten, spielt die Zeit in der Tat in der Ökonomie eine entscheidende Rolle. Dort, wo die Zeit auf das Geld trifft, kommen die Zinsen ins Spiel. Wie viel Zinsen wir für ein Darlehn zahlen müssen, hängt neben der Zinshöhe vor allem von der Laufzeit des Kreditvertrags, also von der Zeit, ab.

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Bild: Brückner