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Weltzeituhr von Lotterman und Söhne

Etwas Besonderes sollte es schon sein, das waren die ambitionierten Uhrmachermeister aus dem Hause Lottermann & Söhne ihrem Ruf schuldig. Etwas, das die Branche würde aufhorchen und die Herzen anspruchsvoller Uhrenliebhaber höher schlagen lassen. Am Ende stand tatsächlich etwas Außergewöhnliches, das der Manufaktur Lottermann & Söhne viel Aufmerksamkeit bescherte und ihr bei der Wahl der „Uhr des Jahres“ im Jahr 2008 einen der vorderen Plätze sicherte, gleich hinter den großen Marken aus der Schweiz und Glashütte.

Statt eines weiteren Tourbillons entwickelten Till Lottermann und Franz Wolff eine Weltzeituhr, die bis heute einzigartig ist und daher patentiert wurde. Dank eines speziell angefertigten mechanischen Werks und eines entsprechenden Zifferblatts zeigt sie alle 39 Zeitzonen der Welt auf einen Blick an – und liefert ganz nebenbei interessante Erkenntnisse. Russland zum Beispiel erstreckt sich über nicht weniger als neun Zeitzonen, die USA und Kanada immerhin über sechs. In China aber – ebenfalls eines der größten Länder der Welt – gilt einheitlich die „Peking Zeit“, obwohl das Reich der Mitte streng genommen mehrere Zeitzonen umfasst. Indien wiederum sorgt bisweilen für Verwirrung, weil die dortige Zeit nicht um volle Stunden von der „Koordinierten Weltzeit“ UTC (früher GMT) abweicht, sondern fünf Stunden plus dreißig Minuten. Das mag manchen Reisenden irritieren, die Weltzeituhr Worldtimer 1 von Lottermann & Söhne hingegen kommt damit sehr gut zurecht. Diese irregulären Zeitzonen wurden bei der Konstruktion berücksichtigt. Die Träger dieser Uhr – noch sind es sehr wenige – können somit auch die indische Zeit vom Zifferblatt ablesen.

Weltzeit-Uhr Rückansicht
Weltzeit-Uhr Rückansicht

Wie entstand die Idee zu einer solch ausgefallenen mechanischen Spitzenleistung? Der Input kam ausgerechnet von einem elektronischen Gerät: „Wir hatten uns irgendwann einen neuen Laptop zugelegt. Auf der Startseite erschien eine detaillierte Weltzeitkarte. Das hat meinen Kollegen Franz Wolff derart inspiriert, dass er gleich mit der Entwicklung einer Uhr begann, die wirklich alle 39 und nicht nur 24 Zeitzonen anzeigt“, erinnert sich Till Lottermann. Das Zifferblatt der Worldtimer 1 wird bestimmt von einer bunten Weltzeitkarte, die sich – ebenso wie die Erde – gegen die Uhrzeiger-Richtung dreht. Unabhängig davon bewegen sich Minuten- und Stundenzeiger in gewohnter Weise. Eine nicht zu unterschätzende Herausforderung war bereits die Entwicklung der Weltkarte auf dem kleinen Zifferblatt. Normalerweise bedient man sich hierzu der sogenannten Lambertschen Schnittkegelprojektion aus dem Jahr 1772. Bis heute werden wichtige Karten der Luftfahrt nach der Lambertschen Projektion hergestellt, so zum Beispiel die ICAO-VFR-Karte für Sichtflüge oder IFR-Karten für Instrumentalflüge. Der sehr beschränkte Raum eines Zifferblatts hingegen eignet sich nicht für diese Projektion. Also machte sich Franz Wolff daran, eine eigene polare Projektion zu entwickeln, die exakt auf die geplante Uhr und deren Zifferblatt zugeschnitten war. Die unterschiedliche Farbgebung erleichtert das Ablesen der Uhrzeit. Wer etwa wissen möchte, wie spät es aktuell in China ist, stellt auf der Weltkarte zunächst die Farbe dieses Landes fest. Am Rand des Zifferblatts wird dann die betreffende Farbe einer Zeit zugeordnet.

Eine weitere Raffinesse: Über die Krone der Worldtimer lassen sich zum einen Karte sowie Stunden- und Minutenzeiger gleichzeitig bewegen. Zum anderen besteht die Möglichkeit, in der zweiten Kronenstellung die Karte zu fixieren und lediglich die Zeiger weiter zu drehen. Auf diese Weise lässt sich mit den Zeigern jede gewünschte Weltzeit einstellen, ohne dass sich gleichzeitig die Position der Karte anpasst. Man kann also zum Beispiel die New Yorker Zeit mit den Zeigern einstellen und auf der Karte ablesen, wie spät es aktuell in Deutschland, Indien oder Australien ist. „In dieser Uhr stecken fast zwei Jahre Entwicklungsarbeit“, berichtet Franz Wolff, der den Prototyp der Uhr gleich selbst behielt. Verständlich also, dass die patentierte Uhr ihren Preis hat. Sie kostet in der Stahlvariante rund 15000 Euro, in einem goldenen Gehäuse ein paar tausend Euro mehr.

Die „verrückte“ Uhr mit Planetengetriebe

Für rund 6000 Euro gibt es ein weiteres Meisterstück: Die limitierte „Crazy Planet“ gehört zu den begehrtesten Spitzenuhren aus der Mannheimer Manufaktur. Technisch eine ausgesprochen anspruchsvolle Lösung, optisch allemal ein Hingucker: Auf dem Zifferblatt bewegen sich mehrere Zahnrädchen und treiben die Zeiger an. Der Name „Crazy Planet“ kommt dabei nicht von ungefähr, sondern ist gleichsam Programm: Die „verrückte“ Uhr verfügt nämlich über ein von außen sichtbares Planetengetriebe. „Umlauf- oder Planetengetriebe sind schon etwas komplizierter, weil sie nicht den gleichen Gesetzmäßigkeiten unterliegen wie ein normales Getriebe. Unter dem Zifferblatt befindet sich kein Stundenrad. Alles wird über das Umlaufsystem in Bewegung gehalten, das auf dem Zifferblatt beobachtet werden kann. Dies geschieht durch vier nach einer speziellen Formel berechneten, ineinandergreifenden Zahnrädchen“, erklärt Till Lottermann.

Blancier Crazy Planet
Crazy Planet

Und noch einen besonderen Schatz präsentiert der Uhrmachermeister („Eigentlich ist diese Uhr schon verkauft, wir werden sie aber erst in ein paar Wochen überreichen“). Es handelt sich um einen Regulator in goldenem Gehäuse mit graviertem Zifferblatt. Doch wer den „inneren Wert“ dieses Zeitmessers richtig einschätzen möchte, muss einen Blick durch die gläserne Rückseite werfen. Dort entdeckt er ein filigranes Minuten-Tourbillon. Die Königsklasse der Uhrmacherkunst, gut versteckt und auf dem Zifferblatt nicht erkennbar - soviel Understatement wagte bisher nur Patek Philippe.

Diese Uhren sind sicher die Flaggschiffe aus der Manufaktur der drei kreativen Uhrmachermeister. Neben Till Lottermann und Franz Wolff arbeitet hier auch der gebürtige Amerikaner Allyn Eidsness, der – ebenso wie seine beiden Kollegen – eine ganz besondere Biographie aufzuweisen hat. Er begann zunächst als Kfz-Mechaniker, interessierte sich aber schon bald für die Reparatur von Turmuhren, wie sie vor allem in alten Kirchen anzutreffen sind. Bei sehr verzwickten Problemen mit Turmuhren im fernen Ausland meldete er sich schon mal per E-Mail bei Till Lottermann und holte sich Rat ein. Letztlich folgte er sogar Lottermanns Empfehlung, selbst das Uhrmacherhandwerk zu erlernen. Eidsness war von der Idee ausgesprochen angetan – und ist heute Uhrmachermeister.

Franz Wolff wiederum ist eigentlich Biologe. Mit Lottermann verbindet ihn seine Liebe zu raffinierten Uhren und anspruchsvollen technischen Lösungen. Auch er ist mittlerweile Uhrmachermeister. „In unserem Unternehmen arbeiten drei Leute. Und alle sind Meister“, sagt Till Lottermann, der zudem den Berufs des Schmieds erlernte, um auch stärker im restauratorischen Bereich arbeiten zu können. Heute ruht das Unternehmen Lottermann & Söhne auf drei Säulen. Da ist zum einen die Herstellung von Armbanduhren mit Handaufzugwerken (Lottermann: „Mit Automatikuhren beschäftigen wir uns nicht). Zum Portfolio gehören ferner Restaurierungen und Reparaturen von Großuhren (darunter auch frühe elektrische Zeitmesser) und schließlich die stark nachgefragten Uhrenseminare. Lottermanns Bruder Ralf bietet ergänzend dazu die Restaurierung von Möbel an.

Die Uhr nach Maß per Konfigurator

Die meisten Uhren aus dem Hause Lottermann & Söhne werden unter dem Namen Blancier ausgeliefert. Hinter dieser Marke steht der Niederländer Willem Kamerman, der eng mit dem Lottermann-Team zusammenarbeitet. Er hatte eine clevere Idee, die mittlerweile Uhrenliebhaber rund um die Welt fasziniert. Ähnlich wie bei einem Auto-Konfigurator, kann sich der Kunde seine eigene Wunschuhr per Internet zusammenstellen. Er entscheidet sich für ein Werk (die Bandbreite reicht von einem einfachen Handaufzugkaliber bis hin zu einem Tourbillonwerk), wählt ein entsprechendes Zifferblatt sowie Gehäuse, Zeiger und Band. Anschließend mailt er die Order an Lottermann & Söhne.

Die günstigste Uhr nach Maß kostet knapp 900 Euro, die teuerste mit aufwändigem Tourbillonwerk und Goldgehäuse rund 40000 Euro. Nach etwa sechs Wochen erhält der Kunde dann seine individuelle Uhr. Anspruchsvollere Zeitmesser, wie beispielsweise die Weltzeituhr, nehmen schon mal Produktionszeiten von einigen Monaten ab Zahlungseingang in Anspruch. Denn Aufträge werden nur nach Vorkasse ausgeführt. „Wir können als kleiner Betrieb nicht das Risiko auf uns nehmen und wochenlang Arbeit in eine Uhr investieren – und am Ende verweigert der Kunde die Zahlung, weil ihm angeblich irgendetwas nicht gefällt. Die Erfahrung zeigt, dass vor allem ausländische Kunden, die im Internet häufiger auch hochwertige Produkte kaufen, mit dieser Regelung kein Problem haben“, berichtet Till Lottermann. Mit dem Blancier-Konfigurator habe man moderne Kommunikationstechnologien und traditionelles Uhrenhandwerk zusammengeführt, darüber hinaus werde durch dieses Angebot ein weltweiter Kundenkreis erreicht. Mancher entdeckt diese Seite vielleicht zunächst nur als „Spielwiese“, doch oft folgt dann auch eine Bestellung, wenn der User seinen absoluten Favoriten konfiguriert hat.

Was treibt die Uhren von Blancier und Lottermann & Söhne an? „Unsere Werke beruhen überwiegend auf alten Cortébert-Kalibern“, sagt Uhrmachermeister Franz Wolff. „Die Produktion dieser Werke wurde bereits in den 1940er Jahren eingestellt“. Im Gegensatz zu den Unitas-Werken, die sehr stark die Arbeit von Ingenieuren erkennen ließen, überzeugten die Cortébert-Kaliber dank ihrer harmonischen Schwünge mit einer ansprechende Optik, sagt Wolff „Viele Bestandteile der Werke kommen jedoch aus der eigenen Herstellung. Bei der Weltzeituhr etwa stammt nur noch das reine Getriebe von einem Cortébert-Werk“. Weitgehend autark zu sein von Zulieferern – das ist eines der Ziele von Lottermann & Söhne. Immerhin wurde bereits ein eigenes Handaufzugwerk mit Dreiviertel-Platine zur Serienreife entwickelt. Im Jahr 2011 soll ein weiteres Manufaktur-Kaliber folgen. Es könnte das weltweit größte rechteckige Werk werden.

Blancier - Lottermann und Söhne
Blancier - Lottermann und Söhne

Einen weithin geschätzten Namen machte sich das Haus Lottermann & Söhne ferner bei der Restaurierung antiker Uhren. Besondere Aufmerksamkeit schenken die Uhrmachermeister aus Mannheim dabei weniger bekannten Spezialitäten, darunter elektrische Uhren, die es bereits lange vor dem ersten Quarzzeitmesser gab. „Viele Kunden und Besucher sind immer wieder überrascht, wenn sie erfahren, dass es schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts elektrische Uhren gab. Sie zu reparieren, ist nicht ganz einfach. Zum einen fehlen oft die Ersatzteile, zum anderen schrecken viele Kollegen zurück, wenn sie im Inneren einer Uhr ein Kabel entdecken“, weiß Till Lottermann.

Gefragte Uhrenseminare

Weithin bekannt und gefragt sind schließlich die Uhrenseminare von Lottermann & Söhne. „Die jeweils bis zu acht Teilnehmer erhalten von uns eine komplette Armbanduhr, die wir zunächst auf der elektronischen Zeitwaage testen. Anschließend wird der Zeitmesser komplett demontiert. Wir bringen Zierschliffe auf, polieren und bläuen die Schrauben, vergolden bestimmte Teile und montieren anschließend die Uhr wieder“, erläutert Till Lottermann den Ablauf des zweitägigen Basis-Seminars, das sich offenkundig großer Nachfrage erfreut. Eigentlich könnte er solche Seminare wöchentlich anbieten, dann indessen bliebe nicht mehr allzu viel Zeit für die sonstigen Innovationen der drei Uhrmachermeister. Neben dem Basis-Seminar, das für jeden Teilnehmer einschließlich der selbst montierten Uhr mit knapp 1000 Euro zu Buche schlägt, bietet Lottermann eintägige mobile Seminare als besondere Incentive-Angebote für Unternehmen oder Event-Highlights für Agenturen, Vereine und Gruppen. Geplant sind ferner Einzeiger-Seminare, die sich sowohl an Teilnehmer der Basis-Seminare richten als auch an solche, die sich zum ersten Mal an ein Uhrwerk trauen.

Nun fallen Begabungen bekanntlich unterschiedlich aus. Was also, wenn es ein Seminarteilnehmer am Ende nicht schaffen sollte, seine Uhr zu montieren. „Dann sind wir ja noch da“, sagt Till Lottermann augenzwinkernd und versichert, bisher habe noch jeder Seminarteilnehmer eine selbst montierte Uhr mit nach Hause genommen. „Die Teilnehmer an unseren Seminaren kommen aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Da gibt es Uhrenfreunde, die längere Zeit sparen, um sich diese faszinierende Reise in die Welt der Feinmechanik gönnen zu können. Und da gibt es andere, die bereits über eine veritable Uhrensammlung im Gegenwert eines größeren Eigenheims verfügen“, berichtet Lottermann.

Und mit den dabei gewonnenen Erkenntnissen fällt es manchem sicher noch leichter, sich die individuell passende Armbanduhr mithilfe des Internet-Konfigurators zusammenzustellen. Die Zahl der Kombinationsmöglichkeiten jedenfalls ist enorm.

Bilder: Lotterman & Söhne