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Cornehl-Regulator

Bei den einen geht es um jede Minute, bei den anderen lässt man es bewusst leger angehen: Regulatoren und Einzeigeruhren überzeugen ihre Freunde nicht nur mit einer ungewöhnlichen Zifferblattgestaltung, sie stehen vielmehr auch für eine unterschiedliche Zeitphilosophie. Für den jungen Steffen Cornehl war es eine prägende Erfahrung, von der er noch heute schwärmt, wenn er auf seine Vorliebe für Regulatoren angesprochen wird. Gemeinsam mit seinen Lehrern überholte er vor vielen Jahren an der Uhrmacherschule Hamburg eine Präzisionspendeluhr. Sie hatte zuvor lange Zeit an der Sternwarte in Altona zuverlässig ihren Dienst verrichtet.

Es handelte sich um einen Regulator mit einem für diese Zeitmesser charakteristischen Zifferblatt: Im Mittelpunkt steht immer die Minute, denn es kommt auf größtmögliche Genauigkeit an. Stunden- und Sekundenzeiger drehen auf kleineren Hilfszifferblättern ihre Runden.

Nach der Überholung der Präzisionspendeluhr hatte Cornehl diesen Zeitmesser noch sekundengenau gestellt. „Als ich am nächsten Tag nach ihr sah, musste ich zweimal hinsehen“, erinnert sich der Uhrmacher. Er war fasziniert von der absoluten Ganggenauigkeit. „Ich stand staunend vor der Uhr. Minutenlang beobachtete ich den Sekundenzeiger des Regulators, der sich synchron im Gleichtakt mit dem Sekundenzeiger der Funkuhr bewegte. Ich konnte es nicht fassen“. Diese Uhren sind für Cornehl seither die Königinnen der Präzisionszeitmessung. Regulatoren faszinieren den Uhrmacher so sehr, dass er seit ein paar Jahren in seinem kleinen Stuttgarter Atelier selbst welche baut und mit der Signatur „S. Cornehl, Stuttgart“ an Uhrengourmets verkauft. Längst haben Regulatoren nämlich ihren Weg an die Handgelenke von Freunden außergewöhnlicher Zeitmesser gefunden. Einer der wichtigsten Wegbereiter war dabei der Luxus-Uhrenhersteller Chronoswiss, der schon vor vielen Jahren nach Ansicht von Connaisseurs die vielleicht schönsten Regulatoren als Armbanduhren auf den Markt brachte.

Tissot Le Locle Régulateur
Tissot Le Locle Régulateur

Wer einen Regulator am Handgelenk trägt, muss zumindest in der ersten Zeit näher hinschauen. Denn die Zifferblattgestaltung ist durchaus gewöhnungsbedürftig. Gleiches trifft auf Einzeiger-Uhren zu. Auch diese haben sich mittlerweile einen beachtlichen Freundeskreis erschlossen. Die vom üblichen Standard abweichende Zifferblatt-Gestaltung ist allerdings auch das Einzige, was diese beiden Nischen-Produkte verbindet. Ansonsten folgen sie völlig unterschiedlichen Zeit-Philosophien. Bei Regulatoren steht, wie gesagt, die Minute im Vordergrund, bei der Einzeigeruhr die Stunde. Wissenschaftlich genutzte Regulatoren weisen oft nur eine Gangabweichung von einer Sekunde pro Monat auf. Für eine mechanische Uhr ist das sensationell. Einzeigeruhren zeichnen sich heutzutage zwar ebenfalls durch eine große Ganggenauigkeit aus, doch selbst Zeitgenossen mit großer Sehschärfe können die Zeit nicht ganz exakt ablesen. Manfred Brassler, Gründer von Meistersinger, des Marktführers für Einzeigeruhren, nennt das den „Charme des Ungefähren“.

„Benchmark“ für Uhren

Zurück zu den Regulatoren. Sie wurden nicht nur bis in die 1960er Jahre für wissenschaftliche Zwecke eingesetzt, sondern waren auch in vielen Uhrmacher-Werkstätten der exakte Zeitgeber. Nach ihnen wurden alle Uhren gestellt. Heute würde man einen Regulator vielleicht als „Benchmark“ der Zeit bezeichnen. Verrichteten in den Ateliers in der Regel Regulatoren in Form von Pendelwanduhren ihren Dienst, so kamen im wissenschaftlichen Bereich die bei Uhrenfreunden bis heute sehr beliebten, allerdings recht teuren Präzisionspendeluhren zum Einsatz.

Diese exakten Räderuhren dienten unter anderem astronomischen Zwecken. Zudem wurden Präzisionspendeluhren als sogenanntes Zeitnormal eingesetzt. Deren Zeit verwendet man zum Einstellen anderer Uhren. Hierfür sind Uhren erforderlich, die nach dem aktuellen technischen Stand den geringsten Gangfehler aufweisen. Früher waren dies Präzisionspendeluhren, heute ist es die Atomuhr (siehe Infokasten).

Präzisionspendeluhren sind bis heute untrennbar mit dem Namen des bayerischen Physikers Sigmund Riefler verbunden, der ab Ende der 1880er Jahre seine Arbeit voll auf den Bau von Präzisionsuhren konzentrierte und der Nachwelt unter anderem das Riefler-Pendel überließ.

Glashütte

Wer heute eine solche Uhr erstehen möchte, muss schon einen fünfstelligen Betrag investieren. Regulatoren für’s Handgelenk gibt es bereits deutlich günstiger. Neben kleinen Marken wie Cornehl bieten auch viele größere Hersteller solche Zeitmesser mit ihren charakteristischen Zifferblättern an. Zu den günstigeren Armbanduhren mit Regulator-Anzeige gehört zum Beispiel die Hamilton Jazzmaster Regulator und der Tissot Le Locle Régulateur. Etwas teurer ist der Régulateur von Union Glashütte. Alle drei Marken gehören zur Swatch-Gruppe. Ebenfalls zu den günstigeren Angeboten zählt der Regulator von Poljot International, einer Marke mit russischen Wurzeln, deren Produkte aber seit Jahren in Deutschland gefertigt werden.

Nach einer Eingewöhnungsphase lässt sich die genaue Zeit auch von einem Regulator-Zifferblatt schnell ablesen. Ein Blick auf den großen, das Zifferblatt dominierenden Minutenzeiger aus der Mitte reicht aus, um festzustellen, wie viele Minuten seit der letzten vollen Stunde vergangen sind. Also zum Beispiel 33 Minuten. Nun blickt man auf den kleinen Stundenanzeiger und erkennt, dass dieser zwischen 10 und 11 Uhr steht. Es ist also 10.33 Uhr. Wer es noch genauer mag, kann nun auf das Hilfszifferblatt mit der Sekundenanzeige schauen.

Turmuhr Einzeigeruhr

Turmuhren mit nur einem Zeiger

Weit weniger anspruchsvoll in puncto Genauigkeit waren die Menschen vor vielen Jahrhunderten, als sie sich nicht mehr allein auf die Sonnenuhren verlassen wollten. Turmuhren, in denen Räderwerke arbeiteten, verfügten lediglich über einen Stundenzeiger. Die Menschen konnten also erkennen, dass es etwa 9.30 Uhr war. Es könnte aber auch 9.28 oder 9.32 Uhr gewesen sein – wen interessierte das damals schon? Bis etwa Mitte des 18. Jahrhunderts hatten beinahe alle Turmuhren nur einen Zeiger. Davon zeugen heute noch die Turmuhr des Palais de Justice in Paris, die Altstedter-Uhr im Kloster Maulbronn oder die Rathausuhr in Lenze (Elbe). Als später die Minutenzeiger hinzukamen, stiftete das zunächst nur Verwirrung.

Einzeigeruhren gab es auch für die Westentasche. Der begnadete Schweizer Uhrmachermeister und Mechaniker Abraham Louis Breguet, dem wir neben vielem anderen das Tourbillon, die Breguet-Spirale und die Parachute-Stoßsicherung verdanken, entwickelte im Jahr 1796 die Subskriptionsuhr – eine Taschenuhr mit lediglich einem Zeiger. Später drehten sich auf den Zifferblättern der Taschen- und Armbanduhren immer mehr Zeiger. Heute gilt sogar eine Dreizeigeruhr (Stunde, Minute und Sekunde) als eher minimalistisch. Auf Chronographen-Zifferblättern kann der Uhrenfreund schon mal sechs Zeiger beobachten, bei Schleppzeiger-Chronographen sogar noch mehr. Wenn dann eine Gangreserveanzeige hinzukommt, wird ein Zifferblatt schnell unübersichtlich.

Das fiel Klaus Botta schon in den 1980er Jahren während seines Designstudiums auf. „Zeitmesser, die eher runden Rechenschiebern gleichen, entsprachen bereits damals nicht meiner Vorstellung von einer übersichtlichen Uhr“, sagt der heutige Industrie- und Uhrendesigner mit Sitz in Königstein bei Frankfurt. Er war es denn auch, der Anfang der 1990er Jahre der Einzeigeruhr zu einer Renaissance verhalf. Sein Modell UNO mit feiner Skaleneinteilung und einem Nadelzeiger traf den Nerv vieler Uhrenfreunde. „Einfachheit ist der wahre Luxus der Gegenwart“, beschreibt Botta seine Philosophie.

Die tickende Entschleunigung

Seine Zeitmesser bezeichnet Botta mitunter schon mal als „Anti-Stress-Uhren“, als tickende Entschleuniger. Neben anderen Modellen kam später die UNO 24 auf den Markt. Deren Zeiger dreht sich nicht zweimal am Tag, wie bei herkömmlichen Einzeigeruhren, sondern nur einmal, was eine noch feinere Zeitskala und einen ebenso feinen Zeiger voraussetzt.

Meistersinger-Circularis
Meistersinger-Circularis

Die minuten- oder sogar sekundengenaue Zeit lässt sich damit zwar nicht ablesen, doch das gehört zur Entschleunigungs-Philosophie. „Wann braucht man die wirklich sekundengenaue Zeit?“, fragt Botta. Und gibt gleich die Antwort: „An Silvester, um pünktlich auf das neue Jahr anzustoßen, und beim Raketen-Countdown“.

Bottas früherer Geschäftspartner Manfred Brassler, der um die Jahrtausendwende im westfälischen Münster die Firma Meistersinger gründete, gibt den Trägern von Einzeigeruhren einen anderen Rat: Sie sollten einfach fünf Minuten früher zum Bahnhof gehen. Dann kämen sie niemals zu spät und könnten in aller Ruhe auf ihren Zug warten – so dieser denn überhaupt pünktlich ist.

Die Striche auf dem Zifferblatt von Meistersinger-Uhren erinnern etwas an das Millimetermaß eines Lineals. Jeder Strich steht für fünf Minuten. Wenn der Nadelzeiger gemächlich über das Zifferblatt gleitet, scheint die Zeit fast stillzustehen. Wer genau hinschaut, kann eine beinahe genaue Zeit ablesen – aber eben nur beinahe. Das gehört zur „entspannten Art der Zeitwahrnehmung“, wie es Meistersinger ausdrückt.

Anfangs setzte Meistersinger fast ausschließlich auf Schweizer Automatikwerke von ETA und Sellita. Im Jahr 2014 stellte Meistersinger dann sein eigenes, in der Schweiz entwickeltes Werk vor: Dem Handaufzugskaliber MSH01 mit einer Gangreserve von fünf Tagen folgte später die Automatikvariante MSA01.

Auch andere bekannte Uhrenhersteller brachten in der Vergangenheit Einzeigeruhren auf den Markt, so zum Beispiel Jörg Schauer, der Inhaber der Uhrenmarke Stowa. Doch nur Meistersinger gelang es, den Markennamen gleichsam zum Synonym für Einzeigeruhren zu machen.

Dennoch bleiben Regulatoren und Einzeigeruhren Nischenprodukte. Die weitaus meisten Uhrenfreunde wünschen sich nach wie vor das gewohnte Bild, wenn sie auf ihre Uhr blicken.

Bilder: Cornehl/Tissot/Glashütte/Meistersinger